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40 Jahre HBS

Das 40-jährige Jubiläum

Vom 3. - 5. September wurde das Ereignis mit einer akademischen Feier und einem überaus gelungenen Schulfest gebührend gefeiert.
Dazu folgende Bildeindrücke und Pressestimmen:

 

Bildeindrücke des 40-jährigen Jubiläums

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

 

Akademische Feier zum 40-jährigen Jubiläum

Hanauer Anzeiger vom 4.9.2008 (Zum Vergrößern bitte anklicken !)

 

Die Wegbereiter der IGS in Hessen

Hanauer Anzeiger vom 4.9.2008 (Zum Vergrößern bitte anklicken !)

 

Gastrede von Barbara Buchfeld



Barbara Buchfeld ist Schulleiterin der Offenen Schule Kassel-Waldau. Anlässlich der Akademischen Feier am 3.9.2008 hielt sie einen Vortrag zum Thema "Länger Gemeinsam Lernen", den wir im Folgenden im Wortlaut wiedergeben:

"Liebe Schulgemeinde, sehr geehrte Gäste! Sehr geehrter Herr Herchenröther!

Meine herzlichen Glückwünsche zum 40 jährigen Bestehen der Heinrich Boll Schule und vielen Dank für das Vertrauen in meine Person heute hier reden zu dürfen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Haben Sie sich auch gefragt "Wo war ich denn vor 40 Jahren? oder waren Sie noch gar nicht auf der Welt? Wer von uns war damals schon im Schuldienst, wer in der Politik verantwortlich?
Ich persönlich war im Studium in Gießen , habe Herrn v. Friedeburg und Frau Hamm Brücher dort erlebt. Ich fand sie mutig und kompetent.
Sie sehen Ihre Ideen von Schule sind nach wie vor lebendig. Sie werden sicher einiges wiederentdecken.

Und haben Sie sich bei der Überschrift zu meinem Vortrag nicht auch gewundert? Länger gemeinsam Lernen?! Hat Herr Herchenröther nun das Fragezeichen oder das Ausrufezeichen vergessen? Dass es bergauf geht in der Einladung, das beruhigt.
Oder geht es heute nur darum, schöne Komplimente zu machen nach dem Motto "Du hast dich aber gar nicht verändert, ich hab dich gleich wieder erkannt?"
Das würde heißen, mein Beitrag hätte eine Gemeinsamkeit mit George Bernhard Shaw und seinem netten Spruch "Von einem schönen Kompliment kann ich zwei Monate leben." Was haben wir eigentlich in den Integrierten Gesamtschulen in 40 Jahren erreicht, wenn wir wieder oder immer noch uns versichern "Länger gemeinsam Lernen" ist die Antwort auf viele schulpolitische und gesellschaftliche Fragen? Wäre da nicht eine eher politische Rede heute richtig gewesen, eine die nicht nur so lange hält wie ein Kompliment? Wie auch immer - die Entscheidung vor Ort fiel auf einen pädagogischen Redebeitrag aber die Politik setzt die Meilensteine.

Was haben die Integrierten Gesamtschulen, die alle Kinder aufnehmen, Vielfalt als Chance und Chancengleichheit als Bildungsgerechtigkeit ansehen, in den letzten Jahren herausgefunden, ob hier in Bruchköbel oder in der Offenen Schule Kassel Waldau, die nach 10 jährigem Bestehen das IGS Konzept nachbessern musste und heute auf 25 Jahre reformorientierte Arbeit blickt. Übrigens gegründet von Herrn Krollmann und Frau Wagner. Wir wissen heute, dass Kinder um gute Schulabschlüsse zu erreichen mehr Zeit brauchen und eine gute Schule ihnen diese Zeit auch ohne Sitzenbleiben gewährt.
Kinder brauchen zum gemeinsamen Lernen in der Schule
Zeit zum Ankommen am Morgen
Zeit zum Wahrgenommen werden

- Zeit zum Reden, Blödeln, Spielen, Träumen
- Zeit zur Vorbereitung auf Konzentration und
- Leistung
- Zeit zum Bewegen und Austoben nach den
- Anstrengungen des Lernens
- Zeit für Gespräche
- Gelegenheit zum Erzählen
- Zeichen, für einen Moment allein wichtig zu sein
- Zeit für Zuwendung
- Geduld zum Erklären
- Gespür für Angst und Kummer
- Lob für eine besondere Leistung Ermutigung, Fehler als Chance zu nutzen
- Zeit für Erleben und Glaubwürdigkeit
- Bereitschaft zur Diskussion
- Die Erfahrung des Bemühens um Gerechtigkeit
- Zeit für Herausforderungen zum Wachsen
- Sinn stiftende Aufgaben
- Individuelle Zumutungen sich anzustrengen Neugier und Fragen provozierende Sachen Methoden und Wege für Problemlösungen
- Klar beschriebene Leistungsanforderungen und Kompetenzen
- Zeit und Möglichkeit zum Wiederholen, Üben, Merken
- Zeit um auf Ideen zu kommen, Zeit und Gelegenheit Umwege zu machen und Vieles zu probieren.

Da kann man ein Kompliment machen, das haben viele in ihren Konzepten und Schulprogrammen erreicht, auch das Kollegium der Heinrich Boll Schule blickt auf eine große Erfahrung im Bereich des gemeinsamen Lernens in diesem Sinne zurück. Wo liegt aber nun die Bedeutung reform pädagogischer Ansprüche an die schulische Bildung von heute und morgen, wie stellen wir zukünftig sicher, dass Schule mehr ist als nur länger gemeinsam zu lernen und auch mehr ist als PISA, mehr als die Schulinspektion oder Leistungstests obwohl wir gerade interne und externe Evaluation dringend benötigen, um uns mit Hilfe der eigenen Schul- Bilanz überhaupt zu entwickeln?
Schule verändert sich über Reflexion nicht über Bildungspläne, Rahmenpläne, Curricula oder Kerncurricula, nicht über Bildungsstandards oder Mindeststandards.
OSW 1400 Schüler in einem Gebäude mit doppelt besetzten Klassen vormittags die 8a, nachmittags die 8b oder wie in der Steinwaldschule in Neukirchen, in der Schülerinnen und Schüler im Kurssystem und ohne Teamarbeit damals bis zu 20 km täglich in ihrer Schule hin und herlaufen mussten - in beiden Fällen Aggressionen bei den Begegnungen in den engen Fluren, Schlägereien, anonyme Schmierereien an Wänden und Tischen -kein gemeinsamer Unterricht möglich. Keine Ruhe, kein Respekt, kein Miteinander. Alle in eine Schule und los geht's, so funktioniert es nicht. In einer solchen Umgebung wird längeres gemeinsames Lernen zur Qual für alle Beteiligten. Also kostet längeres gemeinsames Lernen nicht nur mehr Zeit sondern setzt auch eine andere Schulkultur voraus, in der das gemeinsame Lernen überhaupt erst möglich wird.

Schulkultur ist die Art und Weise des Umgangs destagtäglichen Zusammenseins und Zusammenarbeitens, orientiert an gemeinsamen Werten und Überzeugungen. Die Kennzeichen einer guten Schulkultur sind die Gelingensbedingungen für einen Unterricht, in demjeder Schüler - seinen individuellen Leistungen entsprechend - den für ihn höchstmöglichen Abschluss erreicht.
Zwei Dinge sind dabei entscheidend.
Ein intaktes Schulleben, das über den Unterricht hinaus praktiziert wird
eine spürbar positive Schulatmosphäre, die sich aus dem Schulleben entwickelt hat.

Eine gute Schulkultur zum gemeinsamen Lernen zeichnet sich aus durch folgende sechs Gelingensbedingungen:

1. ... eine sinnstiftende Lebenskultur Hierzu gehören Wertschätzung, klare Regeln, tragfähige Rituale, geklärte Reviere und die Strukturierung des Jahres durch Feste und Feiern aber auch andere Veranstaltungen, in die die Schulgemeinde eingebunden ist. Die Lebenskultur ist konkret sichtbar: die Begrüßung zwischen Lehrern und Schülern am Morgen, das Verhalten beim Mittagessen, die Begegnung mit Gästen. Die schulische Lebenskultur gibt Schülern eine

Orientierung für die Gestaltung ihres Lebens und den Mitgliedern der Schulgemeinde den Rahmen, sich als Gemeinschaft zu erfahren.

2. ... eine differenzierte Lern und Unterrichtskultur Bildung bleibt nicht auf den Fachunterricht beschränkt, sondern umfasst auch Pausen und Freizeitphasen, die außerunterrichtlichen Lernangebote und besondere Aktivitäten. Eine Jahresplanung stimmt die einzelnen Unterrichtseinheiten und die Lernangebote aufeinander ab. Es gibt genügend Spielraum für die Schüler und ihre individuellen Lernwege, damit sie persönliche Lernprofile entwickeln und ihren eigenen Biidungsinteressen nachgehen können. Unterrichtskultur in pädagogischer Ausrichtung bedeutet die Abwendung von einem einseitigen fach wissenschaftlichen Denken. Lehrer sind nicht mehr nur Wissensvermittler sondern kümmern sich auch um den Erziehungsauftrag und die individuelle Lernberatung von Kindern. Sie setzen sich sowohl mit Lern- aber auch mit Erziehungsproblemen auseinander: Klassenrat, Hausbesuche, Lern- und Erziehungsvereinbarungen, Wochen plan.

3. ... eine verlässliche Kooperationskultur Lehrer verstehen sich nicht als Einzelkämpfer sondern arbeiten in etablierten Kooperationsstrukturen, die von der Mehrheit des Kollegium getragen werden. Kooperationspartner sind die Kollegen, mit denen man gemeinsam in einer Klasse oder in einem Jahrgang arbeitet, Schulsozialarbeit, Ehrenamtliche, Schulverwaltung aber auch ehemalige und ältere Schüler, die im Bereich der außerunterrichtlichen Angebote mitarbeiten und nicht zuletzt mit einem wichtigen Part: die Eltern. Durch eine Reflexion der Arbeit und eine jährliche Bilanz entwickelt sich aus einer guten Kooperationskultur das tragende Konzept einer Schule zum gemeinsamen Lernen.

4. ... durchdachte Gestaltungskuitur Die Schule denkt über einen sinnvollen Umgang mit Raum und Zeit nach und verbessert ihr Konzept kontinuierlich. Nicht nur die Unterrichtsräume sind gestaltete Räume, sondern alle Räumlichkeiten berücksichtigen die unterschiedlichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten von Schülern, Lehrern und den anderen Mitarbeitergruppen. Oftmals werde ich gefragt, ob unsere Blumen immer da stehen, die Kerzen beim Essen im Bistro immer an sind und ob es tatsächlich immer eine Salatbar und Nudelbar zum Mittagessen gibt.Es ist gelungen den Tag zu rhythmisieren, dass Schüler und Lehrer den Tag entspannt beginnen können, sich Phasen der Anspannung und Entspannung sinnvoll ablösen, dass größere Lernblocks entstehen, die den Schülern die Möglichkeit geben, eigene Lernaktivitäten zu entwickeln und der Schulalltag einen ruhigen Abschluss findet.

5. ... eine strukturierte Organisationskultur Der Schule gelingt es, organisatorische Reibungsverluste zu minimieren. Wichtig ist der konzentrierte Lehrereinsatz in einer Klasse bzw. in einem Jahrgang sowie die Zusammensetzung der Fach und Klassenteams. Die Struktur der Teams ist so aufgebaut, dass diese für wesentliche Teile ihres Alltags selbstverantwortlich organisatorische und inhaltliche Aufgaben übernehmen. Zur Organisationskuitur gehören transparente Entscheidungsstrukturen, klare Entscheidungswege, verlässliche Ansprechpartner und geregelte Verfahren für die Weiterentwicklung der Schule.

Kommunikations- und Partizipationsstrukturen sind in einer Teamschule für alle wichtig, so gibt es einen Teamsprecher für Lehrer, Eltern und Schüler, die durch ein Netzwerk über alle Jahrgänge einer Schule verbunden sind. Und übrigens, Schülerinnen und Schüler spüren, ob Lehrer sich weiterentwickeln und teamfähig sind. Ist dies nicht der Fall, werden sie Demokratie, Partizipation, Transparenz und Teamfähigkeit wohl nur als sog. Unterrichtskapitel abhaken - nur durch unser Vorbild lernen Schülerinnen und Schüler im Prozess der Beteiligung.
Von diesen Bereichen wird die Reflexionskuitur einer Schule gefüttert und wird erst richtig lebendig, wenn Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam überlegen, wie sie ihre Schule aktiv verändern und immer wieder verbessern wollen. Bein Aufbau einer solchen Reflexionskultur zu gemeinsamen Lernen sind die Schülerinnen und Schüler die Gewinner, weil es um deren Zukunft geht. Ihnen wird durch die regelmäßige Reflexion in Teamsitzungen systematisch eine bessere Qualität von Schule geboten. Gewinner sind wir alle dabei, denn so werden unsere Schülerinnen und Schüler langfristig auf die gesellschaftliche Teilhabe vorbereitet. Letztendlich sind aber die Lehrerinnen und Lehrer die Gewinner, denn sie erhalten konkrete Rückmeldung zu ihrer Arbeit, wissen wo sie diese zum Wohle ihrer Schülerinnen und Schüler einsetzen und übernehmen die Verantwortung für das Lernen lernen.

CREDO
Gemeinsam länger Lernen ist die Bemühung Kindern unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Begabungen und Neigungen im Unterricht und in ihrer Klasse soziale Erfahrungen zu ermöglichen, die sie sonst nicht machen können - heute wie damals.
Dazu müssen die Lehrerinnen und Lehrer Konzepte und Verfahren der Binnendifferenzierung und Individualisierung entwickeln, um jedem Kind gerecht zu werden. Das sollte aber nicht nur pädagogische Rhetorik sein, die mit der Wirklichkeit der Schule wenig zu tun hat. Die Veränderung der Schülerrolle in Richtung der Übernahme von Verantwortung für das eigene Lernen ist zentral. Dies gilt für die Leistungen ebenso wie für die Lerninhalte oder den Verhaltenscodex. Die Schule muss von den Schülerinnen und Schülern getragen werden. Sie sind letztlich die entscheidenden Akteure der Reform.

Eine solche Schulkultur verwandelt die Lernschule ( korrekt funktionierend/erlassadäquat handelnd) -in eine Kulturschule. Die Kulturschule ist die Schule der ästhetischen, intellektuellen und politischen Selbsterfahrung junger Menschen, in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft, durch sie und für sie -unabhängig davon, welchen Schulabschluss sie einmal erreichen werden. Unsere Erfahrung zeigt, dass eine funktionierende Schulkultur bei den Schülerinnen und Schülern zu oft unglaublichen Leistungssteigerungen, bei den Lehrerinnen und Lehrern zu einer großen Berufzufriedenheit führt.
Für eine gute Schulkultur müssen alle bereit sein, sich in eine stärkere Form von kommunaler Verantwortung einbinden zu lassen. Die Ferien sind z.B. zu lang, in unserem Stadtteil steigt dann die Kriminalitätsrate , d.h. Ferienbündnisse und Ferienspiele aber auch schuleigene Angebote um bessere Abschlüsse zu erreichen, werden vermehrt in den letzten Jahren erfolgreich von Kommune und Schule angeboten. Eine gemeinsame Gesamtverantwortung, der wir uns nicht entziehen können und dürfen, liegt vor uns. Hier schließt sich für mich der Kreis der 40 Jahre: Integrierte Gesamtschule - gemeinsam länger lernen - in einem Ganztagsrhythmus der Zeit gibt, mit einer Schulkultur, in der jeder geachtet wird und jeder seinem Niveau entsprechend lernen kann, ist in seiner Kernaussage heute so modern wie damals, obwohl sich der Plot und die Herangehensweise langsam ändern.

Einstein hat einmal gesagt: "Ich sorge mich nicht um die Zukunft, sie kommt früh genug." Nun ist sie da. Wir sorgen uns nicht, das Feld um gemeinsam länger zu lernen ist bestellt.

Ich wünsche Ihnen weiterhin gutes Gelingen, Optimismus und Erfolg!"

 

Brief des Direktors unserer Partnerschule

INSTITUTO NACIONAL DIRIANGEN DIRIAMBA / NICARAGUA



Diriamba, 2. September 2008



Herrn Bernd Herchenröther
Direktor der Heinrich- Böll- Gesamtschule
Bruchköbel – Deutschland



Sehr geehrter Kollege:

Empfangt von der Schulgemeinde des Instituto Nacional Diriangen, herzliche Grüße.
Zur Gelegenheit des 40. Jahrestages der Heinrich-Böll-Gesamtschule schicke
Ich Ihnen im Namen unserer Schüler, Elternschaft und des Lehrer- wie auch des Verwaltungspersonals unserer Schule, im Namen der Bevölkerung von Diriamba, des Erziehungsministeriums unsere allerherzlichsten Glückwünsche an alle in Ihrer Schule.
Es sind mehr als 20 Jahre vergangen, in denen wir an unserer großartigen Schulpartnerschaft teilhaben konnten. Sie hat uns den interkulturellen Austausch zwischen unseren beiden Nationen und unseren Schulgemeinden erlaubt.
Heute verabschiede ich mich, indem ich allen KollegInnen, SchülerInnen, Eltern und Verwaltungskräften der Heinrich-Böll-Gesamtschule viel Erfolg bei der historischen Feier wünsche. Auf dass noch viele Jahre mehr folgen.

ES LEBE DER 40. JAHRESTAG DES INSTITUTOS HEINRICH BÖLL



Hochachtungsvoll

Lic.Genaro Altamirano Rosales
Direktor
Instituto Nacional Diriangen

Diriamba - Nicaragua

 

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